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"U4 bis hier" oder die halbe Wahrheit

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Nun ist es abermals aufgetaucht. Das Gerücht "U4 bis hier". Die nunmehr immer häufigere Erwähnung dieses Themas seitens der Medien bringt die Menschen dazu, wirklich an dieses Projekt zu glauben.

Die grüne Wiener Verkehrsstadträtin Vassilakou denkt zuletzt laut über Verlängerungen der U4 in beide Richtungen nach (einerseits Auhof - andererseits Klosterneuburg). Sie hält das für eine Möglichkeit die Pendlerströme noch vor den Toren Wiens von der Straße auf die Schiene zu bringen, allerdings nur, sollte Niederösterreich mit Landeshauptmann Erwin Pröll auch seinen finanziellen Beitrag dazu leisten. Dass es sich hier um ein Projekt mit Kosten in Milliardenhöhe dreht, wird natürlich weit weniger hinausposaunt. Dass solche Summen in diesen Zeiten nicht aufzubringen sind auch nicht. Vassilakou spricht sich dafür aus, den Ball der alles entscheidenden Finanzierung spielt sie aber gekonnt weiter.

 

 

Doch viel wichtiger ist es, die verkehrstechnische Seite der "U4 bis hier" zu beleuchten und deren Sinnhaftigkeit ernsthaft anzuzweifeln. Eine klassische U-Bahn, wie die Wiener eine ist, ist per Definition ein kreuzungsfreies, auf eigenem Gleiskörper verkehrendes Massenverkehrsmittel mit einem Haltestellenabstand von rund einem Kilometer. Allein an dieser Definition scheitert die U-Bahn-Verlängerung. Zunächst einmal wäre zwischen Nussdorf und Klosterneuburg Weidling (höchstens Höhe Gewerbegebiet) mangels Kundenpotential kein Halt sinnvoll, womit die U-Bahn dann auf einer Strecke von 4 Kilometern, bei einer - mit 80 km/h Systemhöchstgeschwindigkeit - erheblich längeren Fahrzeit als die derzeitige S-Bahn - ohne Zwischenhalt verkehren würde. Das zweite, viel schwerwiegendere Problem ist das mangelnde Fahrgastpotential am künftigen Endhalt, in Klosterneuburg. Gottseidank pendelt nicht jeder Klosterneuburger nach Wien, und selbst wenn wir mit absurden 25.000 Fahrgästen/Tag rechnen, ist das für den Aufwand der Verlängerung als Parallelführung zur gut ausgebauten ÖBB-Strecke zu wenig. Dass man Pendler aus dem Tullnerfeld frühzeitig abfangen will, hätte nur den Effekt, dass diese in Klosterneuburg von der S-Bahn in die U4 umsteigen würden, statt in Heiligenstadt. Jene, die mit dem Auto bis zur U-Bahn in Heiligenstadt pendeln, würden in Klosterneuburg umsteigen, was den MIV (Motorisierter Individual Verkehr) im Stadtzentrum erheblich steigern würde. Insgesamt wäre ein Massenverkehrsmittel, in dem eine U-Bahngarnitur knapp 1000 Menschen befördern kann und diese in der Stoßzeit im 2 1/2 Minuten Intervall verkehrt, völlig überdimensioniert für das weitgestreute Siedlungsgebiet Klosterneuburg.

Die oft zitierte Alternative - Fahrzeuge für den kombinierten Verkehr auf U4 und S-Bahn - ist verkehrstechnisch nahezu unmöglich und auch nicht sinnvoll. Abgesehen von den unterschiedlichen Netzspannungen (15.000 Volt bzw. 750 Volt), stellen die unterschiedlichen Bahnsteighöhen ein viel gravierenderes Problem dar, da man zwar auf dem gleichen Gleiskörper, aber nicht in den gleichen Haltestellen verkehren könnte. Aufgrund unterschiedlicher Rad- und Schienenprofile müssten sämtliche befahrenen Weichen auf ÖBB-Gleisen modifiziert werden. Aber vor allem betrieblich ist ein Kombinieren eines Verkehrsmittels im 3 Minutentakt mit einem überregionalen Verkehrsmittel wie der S-Bahn nicht vorgesehen und nicht störungsfrei zu gewährleisten. Die U-Bahn als abgeschlossenes System würde unter einer Zweitnutzung durch andere Verkehrsmittel leiden.

 

Die Liste SAU ist strenger Verfechter des öffentlichen, des Radfahr- und des Fußgängerverkehrs. Die Förderung und Optimierung des Öffentlichen Verkehrs ist eines unserer - wenn nicht sogar das - Hauptanliegen in Klosterneuburg. Trotzdem ist es uns wichtig, die Menschen über die technischen und finanziellen Möglichkeiten zu populistischen - in dieser Art nicht sinnvollen - Ideen wie die einer U-Bahn Verlängerung zu informieren. (Wer hätte nicht gerne eine U-Bahnstation in Klosterneuburg? Wir wären die Letzten die diese dann nicht nutzen.)

Doch der Ausblick für uns Klosterneuburger ist auf diesem Gebiet trotzdem ein Guter! Im Juni ist ein Öffi-Gipfel mit den wichtigsten Vertretern von ÖBB, VOR (VerkehrsverbundOstRegion), Verkehrsexperten und den politischen Entscheidungsträgern angesetzt, der eine Neustrukturierung des veralteten Busliniennetzes in Klosterneuburg zum Ziel hat.

Und auch für den Verkehr nach Wien, vor allem auch aus dem Tullnerfeld gibt es Entwicklungen mit viel Potential, die aber von den Protagonisten der "U4 bis hier" ( mangels Fachwissen?) bisher verschwiegen wurden; im Dezember 2012 geht die neue Tullnerfeldbahn (neue Trasse der Westbahn) in Betrieb, womit ein Großteil des Güterverkehrs und der Regionalzüge (die in Klosterneuburg nicht halten) auf dieser neuen Achse verkehren werden. Ein dichterer S-Bahntakt als der jetzige Halbstundentakt ist bisher an der Kapazitätsgrenze der Franz Josefs Bahn gescheitert. Ab dem Frühling 2013 ist aber so eine Taktverdichtung auf der Strecke Wien - Tulln möglich, wodurch das Verlangen nach einer U-Bahn wieder ein Stück weit geringer wird.